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Opfer der Erkenntnis

Posted: Sat Jul 03, 2010 12:42 pm
by Lennier
Vor einiger Zeit in einer Turmkammer der Grauen Zuflucht. Der Halbling Lennier unruhig auf einem Sessel am Lesepult.

"Da stehe ich nun, ich armer Tor!
Bin so klug als wie zuvor.
Nennen mich Meister, Doktor gar
und ich zieh schon an die zwanzig Jahr
heraus, herab und quer und krumm
meine Knechte an der Nase 'rum -
und seh', dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrenn'.
Zwar bin ich gescheiter als die meisten da draußen,
mich plagen keine Skrupel noch Zweifel, fürchte mich nicht -
dafür ist mir alle Freud' nun zerrissen,
bilde mir nicht ein Rechtes zu wissen,
bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
gar die tollen Menschen, Zwerge und Elfen zu bekehren.
Zwar hab ich alles Gut und Geld,
auch alle Ehr' und Herrlichkeit der Welt,
sind mir zugetragen.
Doch so möcht kein Hund länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
ob mir durch Geistes Kraft und Mund
mir nicht manches Geheimnis würde kund;
Damit ich nichtmehr mit sauerem Schweiß,
zu verkünden habe, was ich doch nicht weiss;
Dass ich erkenne, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält,
schau alle Wirkungskraft und Samen
und tu nicht mehr in Worten kramen.
O sähet ihr Götter im Mondenschein,
ein letztesmal auf meine Pein.
Beschränkt auf diesen Bücherhauf,
den Würmer nagen und mit Staub bedeckt,
den bis ans hohe Gewölb hinauf
ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
mit Instrumenten das Labor vollgepfropft,
Urväter Kräuterhauf reingestopft.
Ihr Götter, warum das Herz mir in der Brust so klemmt?
Warum der Schmerz mir alle Lebensregung hemmt?
Anstatt der lebendigen Natur, die ihr schuft,
ich bin hier umgeben nur von Rauch und Moder.
Und diese Rolle. Geschrieben von Falks eigner Hand.
Sie ist mir nicht Geleit genug.
Erkenn ich dann des Naturs Lauf,
der mich unterweist,
dass die Seelenkraft mir geht wieder auf?
Wie spricht ein Geist zum anderen Geist?
Umsonst das staubtrockene Sinnen hier.
Kein heiliges Zeichen es mir erklärt!
Götter, ich rufe euch an! Antwortet mir, wenn ihr mich hört!"

Lennier schlägt in wilder Gestik die Kerze vom Pult. Die Rolle fängt Feuer. Er erschlägt die Flammen. Ein Stück vom Pergament verbleibt. Ein einzelnes Rezept.

"Ah! Welch Augenblick, auf einmal mir die Sinne bringt zurück!
Das ist es wonnach ich suchte."

Einige Zeit später, es ist tief in der Nacht, da kracht es in der Turmkammer. Noch am frühen Morgen steigt Rauch aus dem kleinen Fenster. Von Lennier keine Spur mehr.


((frei nach Faust I, Goethe))

Posted: Tue Jul 06, 2010 11:54 am
by Lennier
Es ist nun ein Jahr verstrichen, seit man ihn zum letzten mal sah. Verschwunden war er über Nacht. Keine Spur verwies auf seinen Verbleib. Nur Unordnung herrschte in der Lesestube, in der sich Lennier wohl verschloss, so dass die Tür auf der Suche nach ihm aufgebrochen werden musste. Das Fenster war offen.

Und nun...

Ein alter Halbling, fasst gänzlich nackt, sitzt am nördlichen Ufer des Fairy Tears. Wild und zerzaust sieht er aus. Und nass ist er, so als ob er gerade direkt aus dem Wasser stieg. Eine ganze Weile nun hockt er da, stumm. Von der Sonne lässt er sich wärmen und trocknen. Verschwommene Erinnerungen an die letzten Monate durchfliegen seinen Geist. Chaos, Sturm... die Gedanken von so vielen. Später Stille, Kälte und ein langer Schlaf aus dem er nun erwacht zu sein scheint.

Nach geraumer Weile wird Lennier sich seiner bewußt. Er blickt umher und an sich herab. Er runzelt die Stirn:
"Oh... Was für ein Trank... Nächstes mal weniger vom Elixier."