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Ein zerbrochener Traum
Posted: Mon Dec 04, 2006 9:46 pm
by Ascius
((überarbeitet und mit Bildern versehen))
"Ich habe mal einen Traum geträumt,
doch man hat mich aufgeweckt."
1. Mutig, kampferfahren und loyal
Dort lag er also vor ihm, der besagte Wald. Seine Augen starrten, sich leicht bewegend, nur selten blinzelte er. Sein Blick schweifte langsam am Rand des Waldes entlang. Er sah weite Wiesen und Felder, bevor der Wald mit seiner dichten und dunklen Barriere aus Stämmen, Ästen und Blättern begann. Nur wenige Hügel erhoben sich zuweilen aus dem hohen Gras. Er selbst stand auf so einem Hügel, seine Augen suchten den Waldrand nach einem bestimmten Punkt ab.
'Wo könnten sie hinein und hinaus gehen?' , dachte er sich. Er kniff die Augen zusammen. An einigen Stellen war der Rand des Waldes lichter, nicht so dicht und dunkel,
doch nur an einer dieser Stellen war das hohe Gras niedergetrampelt.
<<Sie sind erst vor kurzem hineingegangen.>>
Flüsterte er grinsend vor sich hin.
<<Die Nacht ist noch nicht lange vorüber.>>
Mit der Gewissheit, die Lösung für sein Problem gefunden zu haben und mit dem Gefühl von Triumph trat er wieder von dem Hügel herunter. An der zum Wald hin abgewandten Seite warteten seine Männer. Ein Dutzend Reiterlegionäre, drei von ihnen geübt im Umgang mit dem Bogen. Als er von dem Hügel zurückkam, stieg einer der Reiter ab und trat auf ihn zu.
<<Ihr seid zurück, Primus. Konntet ihr etwas erspähen?>>
Der Soldat stellte seine Frage mit Würde und Ehrfurcht, er trug eine salkamaerische Rüstung von guter Qualität, wie es für die Reiterlegionäre üblich war. Am Gurt hing ein Spatha, ein Schwert mit einer langen und etwa handbreiten Klinge, wie es bei den berittenen Truppen Salkamars üblich war.
<<Ja, ich habe etwas gesehen, Caleius. Ich denke, die Banditen, die seit einiger Zeit diesen Landstrich in Aufruhr versetzen, verstecken sich bei Tag in dem naheliegenden Waldstück. Wir werden ihnen heute Nacht eine Falle stellen.>>
Kam die Antwort ruhig und doch bestimmt zurück.
<<Aber Primus..>>
Zögerte Caleius.
<<Der Morgen graut doch gerade erst, wir werden den ganzen Tag hier versteckt ausharren müssen.>>
Der Primus warf dem Soldaten einen ernsten Blick zu und antwortete knapp.
<<Dann warten wir.>>
Caleius zögerte erneut. Er überlegte sich, ob er wirklich noch weiter sprechen sollte, doch die Sehnsucht nach der Heimat zwang ihn dazu.
<<Wir sind jetzt lange im Dienste der Armee unterwegs gewesen, Primus. Wir befinden uns auf dem Weg nach Hause, eure Männer...>>
Er wurde von einem scharfen Blick des Primus erneut unterbrochen. Caleius stoppte. Kurz darauf lächelte sein Befehlshaber und antwortete ruhig.
<<Meine Männer sind mutig, kampferfahren und loyal. Du sagst, du willst zurück nach Hause? Zurück zu deiner Familie? Du wirst sie lebendig vorfinden wollen, und nicht von Banditen ermordet, nehme ich an?>>
Caleius nickte stumm, den Kopf etwas senkend.
<<Auch die Männer der Frauen und Kinder, die hier jede Nacht von raubenden Banditen bedroht werden, wollen ein Mal heimkehren und ihre Familie lebend vorfinden. Wir weden dafür sorgen, dass es so geschieht, so wie man es für uns tun würde.>>
Caleius nickte. Der Primus lächelte, ging an ihm vorüber zu den anderen Männern und legte ihm dabei noch eine Hand auf die Schulter.
<<Dies ist Salkamar, mein Freund, und wir sind die Legion. Wir sind das Bollwerk, dass die Ungerechtigkeit von den Gerechten fern hält.>>
Caleius war immer fasziniert von seinem Befehlshaber gewesen, er hatte selten einen Mann getroffen, der so überzeugt von der Mission und Tugend der Armee Salkamars gewesen war. Er lebte für die Ideale der Legionen, und er würde für sie sterben. Caleius war sich nicht sicher, ob er selbst einen ebenso festen Glauben hatte, aber jedes Mal, wenn er mit dem Primus geredet hatte, ließ ihn das neuen Mut schöpfen. Sie würde auf die Nacht warten und sie würden diesen Landstrich von den Banditen befreien.
Posted: Mon Dec 04, 2006 9:54 pm
by Ascius
"Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen"
2. Die Falle
Schwer sollte es nicht werden. Den Berichten zu folge war es nur eine kleine Gruppe von Banditen, die sich hier versteckt hielten und nachts die umliegenden Dörfer und Höfe plünderten. Zwar wich das Stellen dieser Räuber von dem eigentlichen Plan der Reiterei ab, denn sie waren
alle auf dem Heimweg gewesen, aber da sie gerade durch diese Gegend geritten kamen, sind sie abkommandiert worden, um das Problem zu lösen und danach ihren Weg fortzusetzen.
Im Schutze der Dunkelheit war ein Späher ausgeschickt worden, um zu überprüfen, ob die Banditen am Waldrand Wachen aufgestellt hatten. Dies schien nicht der Fall zu sein. Der Plan war es nun, die Banditen zu überraschen, wenn sie wie jede Nacht den Wald verlassen würden,
um auf Beutezug zu gehen. Sechs der Reiter waren östlich neben dem lichten Stück Waldrand, von dem die Banditen aus starten würden aufgestellt, die anderen sechs und der Primus selbst an der
Westseite. Alle Lichter waren gelöscht worden. Die Soldaten waren damit beschäftigt, die Pferde ruhig zu halten, um kein Geräusch von sich zu geben. So warteten sie, flüsternd. Dann, nach einiger Zeit, war ein schwaches Licht aus dem Wald zu sehen. Es verließ den Wald rasch.
Noch gab der Primus nicht den Befehl zum Angriff, er wartete und beobachtete. Das Licht bewegte sich ein Stück weiter hinaus, stoppte, und bewegte sich dann wieder ein Stück weiter.
Die Umrisse eines Trägers waren nun zu erkennen, ein Schatten im Mondlicht. Auch hinter ihm schien es sich zu bewegen. Weitere Schatten folgten ihm, sprachen zuweilen ein paar Worte, worauf der Fackelträger anhielt und antwortete. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen. Vielleicht würden sie nicht alle erwischen, aber wohl die Meisten. Der Primus hob sein Schwert, und die Reiterei an der Westseite preschte los. Alles ging sehr schnell. Schwerter wurden gezogen, die Pferde kamen eilig in den Lauf. Bevor die Banditen verstanden hatten, was vor sich ging, raste die erste Welle Reiter durch ihre Reihen, stieß sie um, traktierte sie mit den Klingen. Bemerkend, dass die Reiterei der Westseite ihr Ziel erreicht hatte, preschte auch die Reiterei der Ostseite los und raste erneut durch die zerstreuten Reihen der Banditen und streckte die Flüchtenden nieder.
Bevor es begonnen hatte, war es still gewesen. Der Kampf war schnell und erbarmungslos ausgefochten worden, Pferde hatten geschnaubt, sterbende Männer aufgeschrien. Als nun alle Banditen tot zu den Füßen der Reiter lagen, war es wieder still, und das Licht des Mondes
tauchte die Szene in ein kaltes, silbriges Licht.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:03 pm
by Ascius
"Der kommt den Göttern am nächsten, der auch dann schweigen kann, wenn er im Recht ist."
3. Endlich daheim
<<Ascius Dilcanius Vincus, mein Freund, willkommen daheim!>>
Die Züge des alten Mannes waren fröhlich, als er den hereintretenden Primus umarmte.
<<Querius, mein Guter!>>
Er erwiderte die kräftige Umarmung und löste sich dann.
<<Ich sehe, es ist dir gut ergangen.>>
Ascius lächelte.
<<So gut, wie es einem alten Mann wie mir gehen kann. Ich habe deine Taten verfolgt, Primus, du hast dich gut geschlagen. Man ist sehr überzeugt von deinem Können, und von deiner Spontanität im Kampf.>>
Ascius musste etwas schmunzeln und winkte ab. Der alte Mann
verzog kurz das Gesicht und hob ermahnend den Finger.
<<Oh, nein, mein Lieber, keine falsche Bescheidenheit. Das ist nicht immer eine Tugend! Viele denken zwar, dass du zuweilen im Kampf noch etwas ungestüm und chaotisch wärest, aber trotzdem erfolgreich. Ich denke, man wird dich befördern.>>
Ascius legte den Kopf schief.
<<Mich befördern? Ich dachte, es wäre im Moment kein Platz frei.>>
Der alte Mann schüttelte den Kopf, sein Blick wurde etwas bitter.
<<Du hast diese Beförderung mehr verdient, als jeder andere. Es ist eine große Ehre für dich. Du wirst den Platz von Tribun Nolus Tavius einnehmen. Damit bist du nur noch eine Beförderung vom Rang eines Legaten entfernt, und somit von dem Kommando einer eigenen Legion.>>
Ascius verneigte seinen Kopf leicht.
<<Ich danke dir, Querius, du hast bestimmt einige gute Worte für mich eingelegt. Ich hatte aber gedacht, diese Position sei dem Sohn von Fius Vessis vorbehalten.>>
Querius winkte wild ab und schritt langsam durch den Raum, laut fluchend.
<<Der Sohn von Fius Vessius! Dieser Aecius! Er ist ein Narr, und völlig unfähig. Leider hat sein Vater so einen großen Einfluss, nur so ist sein Sohn in die hohe Position gekommen, in der er heute steckt!>>
Er beruhigte sich wieder etwas.
<<Nein, Ascius, du hast diesen Posten verdient, also sollst du ihn auch erhalten. Du hast mein Wort.>>
Ascius nickte mit einem Lächeln. Es hatte stets an ihm genagt, dass Aecius diese Beförderung erhalten sollte, und nicht er. Er hatte dies nie als gerecht empfunden, aber auch nie etwas laut gesagt. Er hatte stets nur den Legionen treu dienen wollen.
<<Wirst du dafür nicht Ärger bekommen, Querius?>>
Fragte er mit einem schiefen Grinsen.
<<Nein, Ascius, ich werde keinen Ärger bekommen, ich nicht.>>
Der alte Mann lächelte.
<<Lass uns deine Rückkehr feiern, Ascius. Es zieht dich sicher zu deiner Frau und deiner Tochter, aber ich habe hier so viele Leute, die dich kennenlernen wollen. Bleib bitte noch etwas!>>
Ascius nickte. Es sollte eine lange Nacht werden.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:07 pm
by Ascius
4. Die Eifersucht des Sohnes
<<Hast du es vernommen, Vater? Dieser Bengel aus der Familie Vincus soll meinen Posten bekommen! Hörst du, meinen Posten!>>
Aecius war außer sich und brüllte seinen Vater an. Dieser erwiderte ruhig.
<<Bitte schrei nicht so, Aecius, deine Mutter schläft schon.>>
Der Sohn jedoch ließ sich nicht bändigen.
<<Ich werde nie mehr ruhig schlagen, Vater, wenn dieser Taugenichts meinen Posten bekommt, meine Beförderung! Ich habe sie verdient, nicht er. Hörst du, ich! Ich!>>
Der Vater hob besänftigend seine Hand. Das Geschrei seines Sohnes begann ihn zu verärgern. Doch der Sohn ließ sich nicht besänftigen.
<<Querius, dieser alte Narr! Was denkt er sich, mich so zu strafen? Ich habe viel mehr vollbracht, als dieser Ascius! Ich kann viel mehr vollbringen! Vater, geh, geh und sag ihnen, dass sie alles ändern sollen! Sie sollten mich befördern! Von mir aus bring diesen Ascius um, und diesen Querius gleich mit!>>
In diesem Moment traf die große Handfläche des Vaters die Wange des Sohnes, sodass dieser taumelte und zu Boden ging. Erschrocken und sich die Wange haltend blickte er zu seinem Vater hoch. Dieser stand nun, schnaubend, und sprach.
<<Du redest zu viel Unsinn, Sohn, das hast du schon immer getan. Wenn du mir noch ein mal vorschlägst, irgendwen umzubringen, dann werde ich dafür sorgen, dass du aus der Armee genommen wirst. Wir sind eine angesehene und tugendhafte Familie, eine gute, salkamaerische Familie, und so werden wir uns auch benehmen. Ascius würde nie so reden, wie du es eben getan hast, und darum soll er auch befördert werden. Die Legaten haben entschieden, die Alten und Weisen haben entschieden. Jetzt füge dich und warte, bis deine Zeit gekommen ist. Warte mit Würde, sonst entehrst du mich. Jetzt steh auf, und krieche nicht vor mir, wie ein Hund! Und wag es bloß nicht, zu weinen, wie ein kleines Mädchen! Steh auf, und geh schlafen! Na los, worauf wartest du? Du wirst morgen viel zu tun haben, also ruh dich aus. Deine Wut macht dich sonst noch ganz krank und blind!>>
Aecius stand auf, er sah seinem Vater nicht mehr in die Augen, sondern begab sich in seine Räume. Für einige Zeit saß er nur dort, atmete tief durch. Er dachte, versuchte, seine von Wut und Schrecken verwirrten Gedanken zu ordnen.
<<Ascius der Weise. Ascius der Barmherzige. Ascius der Bedachte, Narren!>>
Spuckte er ein paar Worte aus. Dann funkelten seine Augen von neuem Mut auf. Wenn sein Vater ihm nicht helfen wollte, dann würde er eben alles allein in die Wege leiten müssen. Viele kannten ihn, und sein Vater hatte mit seinem Einfluss und mit vielen Münzen dafür gesorgt, dass viele auf ihn hörten und zu ihm standen. Es wurde Zeit, diesen Vorteil auszunutzen.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:16 pm
by Ascius
"Im Wein liegt die Wahrheit."
5. Der Alptraum
Querius hatte Ascius lange bei sich behalten. Sie hatten zusammen mit alten und neuen Freunden bis spät in die Nacht gefeiert, gespeist und getrunken. Jedes Mal, wenn Ascius hatte gehen wollen, um nach der langen Zeit in Abwesenheit zu seinem Haus und zu seiner Familie zurückzukehren, hatte Querius ihn aufgehalten und ihm Wein nachgeschenkt. Ascius verstand das. Querius sah ihn als eine Art Sohn an, und Ascius hatte es gelernt, den alten Querius so zu lieben, wie einen Vater.
Ascius hatte sich dann leider doch etwas zu viel Wein nachschenken lassen, und so lag er nun auf einer Pritsche in Querius Haus und schlief seinen Rausch aus. Er hatte sich vorgenommen, sich dann sofort nach seinem Erwachen nach hause zu begeben.
Er schlief noch nicht lange, die Nacht neigte sich ihrem Ende zu und er war noch betrunken, als ihn Alpträume plagten. Er sah Flammen, Schreie. Er sah sterbende Männer, Pfeile, die ihre Leiber druchbohrten, Klingen, die auf andere Klingen prallten, Schilde, die brachen, Speere, die sich in die Leiber der Pferde brohten und sie zu Fall brachten. Er sah Verletzte, Dutzende. Tote. Er sah die Schlachtfelder, die er die letzten Monate über oft hatte sehen müssen. Er sah den letzten Kampf gegen die Banditen noch ein Mal, und wie gleichgültig er die toten Leiber jener im kalten
Mondlicht begutachtet hatte. Das Töten war für ihn über die Jahre in der Armee zur Gewohnheit geworden, doch verfolgte es ihn in dieser Nacht.
Wieder sah er brennende Trümmer, ein zerstörtes Dorf. Er konnte sich nicht an diesen Ort erinnern, hatte ihn noch nicht zuvor gesehen, und doch schien er vertraut zu sein. Der Traum wollte kein Ende nehmen. Er sah sich selbst durch das brennende Dorf schreiten, die Zeit um ihn herum schien sehr langsam zu vergehen. Die Flammen loderten heiß, aber langsam, es war still. Er schritt weiter. Plötzlich vernahm er die Schreie einer Frau. Er drehte sich um. Eine Frau stand am Fenster eines brennenden Hauses, um Hilfe rufend. Sie hielt ein kleines Mädchen in den Armen, nach außen, als wollte sie es möglichst lange vor den Flammen schützen. Ascius kniff die Augen zusammen und erkannte, dass die
Kleider der Frau nun auch Feuer gefangen hatten. Und obwohl sie selbst bereits von den Flammen verzehrt wurde, hielt sie noch immer ihre Tochter aus dem Fenster, um sie zu schützen. Dann erkannte er es, und obwohl er in einem Meer von Flammen stand, fuhr diese Erkenntnis durch ihn wie das kälteste Eis. Die Frau in dem brennenden Haus war seine Gattin, und das Mädchen, das sie in den Händen hielt, war seine
kleine Tochter.
In diesem Moment der Erkenntnis musste er feststellen, dass auch er nun im Traum in Flammen stand. Er fühlte keine Schmerzen der Verbrennung, wurde aber dennoch von den Flammen verzehrt, und er konnte nichts tun, um seiner Familie zu helfen. Eine kalte Hand packte ihn an der Schulter.
Er erwachte schweißgebadet und sah Grumius, einen anderen Primus und Freund Querius' über sich gebeugt. Aus Reflex packte er dessen Kehle. Grumius Augen weiteten sich vor Schreck. Ascius atmete schwer.
<<Ach, du bist es nur...>>
Er nahm die Hand wieder von der Kehle des Mannes. Jener nickte.
<<Querius möchte mit dir sprechen, folge mir bitte.>>
Ascius versuchte, sich wieder zu fangen und rieb sich die Augen, nun sitzend.
<<Zu so später Stunde?>>
Grumius nickte.
<<Er sagte, er wolle dich sofort sprechen.>>
Ascius nickte nur und stand auf.
<<Ich folge dir.>>
Grumius drehte sich um und verließ den Raum, gefolgt von Ascius. Der Schrecken des Traumes saß ihm noch immer in den Knochen. Als beide
das Haus verließen, wehte ein kalter Wind an ihnen vorbei. Grumius' Mantel wurde hochgeweht, und die Umrisse einer Schwertscheide waren zu erkennen. Ascius stoppte.
<<Warum bist du denn bewaffnet, Grumius?>>
Grumius drehte sich um, mit einem entschuldigenden Blick auf dem Gesicht. In diesem Moment wurde Ascius von zwei starken Männern gepackt und man stülpte ihm einen Sack über den Kopf. Er hörte
noch die Stimme von Grumius
<<Es tut mir Leid, ich habe keine Wahl..>>
bevor Ascius von einem Schlag auf den Kopf ohnmächtig wurde.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:21 pm
by Ascius
6. Ein grausiger Anblick
Mit starken Kopfschmerzen erwachte Ascius, er lag auf dem Boden. Sein Gesicht war dreckig, und die Stelle an seinem Kopf, an der er niedergeschlagen worden war, pochte. Er blinzelte ein paar Mal. Um ihn herum roch es verbrannt. Er öffnete die Augen und blickte auf einige Füße. Männer standen um ihn herum. Eine nicht fremde Stimme sagte
<<Ich dachte schon, ich müsste euch umbringen lassen, ihr Idioten, ihr solltet ihn ruhig stellen, nicht gleich ohnmächtig schlagen. Wir haben doch nicht viel Zeit.>>
Die Person, die gesprochen hatte, trat danach zu. Ascius hustete.
<<Immerhin, endlich ist er wach. Richtet ihn auf!>>
Befahl die Stimme. Alles drehte sich um Ascius herum, dann wurde er gepackt und unsanft aufgerichtet und festgehalten. Er blickte in die Gesichter von Grumius und Aecius Vessis. Grumius zeigte keinerlei Emotionen. Aecius grinste triumphal.
<<Hallo, oh großer Ascius!>>
Er schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Ascius wäre wieder umgefallen, wenn die beiden kräftigen Männer ihn nicht gehalten hätten.
<<Ich hatte nicht viel Zeit, mir eine Rede auszudenken, aber ich denke, was ich sage, wird dir schon einleuchten. Dir den Posten als Tribun zu geben, der mir zusteht, war töricht. Diese Narren sehen einfach zu viel in dir. Alle. Ich allerdings, ich kenne die Wahrheit. Du bist ein Nichts! Ein Niemand! Nimm dies bitte nicht persönlich. Wenn ich dich nicht jetzt beseitige, dann wirst du zu einflussreich, als dass man dich noch vergessen würde. Nunja, ein kleines bisschen persönlich darfst du es schon nehmen.>>
Aecius schlug ihn erneut.
<<Du darfst jetzt mein kleines Kunstwerk begutachten, ich bin ein wahrer Künstler. Es wird dir gefallen.>>
Er trat aus der Sichtlinie. Hinter ihm konnte Ascius verschwommen die Umrisse eines Hauses erkennen. Es war ein grausiger Anblick. Dann, plötzlich, erlangte er seine Orientierung wieder. Das war nicht irgendein Haus, es war sein Haus! Er erkannte die kleinen Gärten vor und neben seinem Domizil. Es war ein guter Ort, etwas abgelegen von der Stadt.
Doch nun waren alle Gärten niedergetrampelt und verbrannt. Das Haus selbst brannte noch an einigen Stellen am Dach, ansonsten war es bereits fast völlig ausgebrannt. Noch leicht betrunken und geschunden, nahm Ascius dies alles noch nicht völlig wahr. Träumte er etwa noch?
Sein Kopf wurde schlagartig klar, als er zwei Körper entdeckte, die vor der Eingangstür des Hauses lagen. Ihre Kleidung war blutverschmiert. Er konnte die Gesichter nicht erkennen, aber es wurde ihm schnell klar, wer dort lag, und es schmerze fürchterlich. Seine Frau und seine Tochter, ermordet, lagen als hatte man sie ordentlich nebeneinander gebettet vor der Tür des ausgebrannten Hauses, als würden sie sich nur die Sterne anschauen. Die Tränen stiegen Ascius in die Augen, er wollte schreien, doch alles, was er herausbekam, war ein lautes Schluchzen. Aecius betrachtete sein Gesicht mit einem wahnsinnigen Grinsen. Grumius
wandte sich ab und ging einige Schritte von den Männern weg.
Aecius trat Ascius wieder vor das Gesicht.
<<So, mein Lieber, da siehst du, was du davon hast. Ich muss sagen, ich werde meinen Spaß in der Armee haben, als Tribun und Nachfolger von Nolus Tavius, genau so, wie ich hier mit deinem Haus und deiner Familie meinen Spaß gehabt habe.>>
Ascius senkte den Kopf, Tränen tropften auf den Boden.
<<Und meine Männer hatten auch ihnen Spaß mit deinem Weib, wenn du verstehst, was ich meine.>>
Aecius grinste. Die Wut fuhr in Ascius hoch, und er versuchte, sich loszureißen. Er wollte Aecius das Leben aus dem Halse quetschen, doch die beiden Männer hielten ihn zu fest. Er versuchte ihn zu beißen. Aecius grinste nur und schlug ihm einige Male in das Gesicht. Dann schüttelte er seine Hand aus und gab einen weiteren Befehl.
<<Ihr bekommt eure Bezahlung erst, wenn ihr ihn zum vereinbarten Punkt gebracht habt. Lasst euch unterwegs nicht entdecken oder aufhalten! Die Leute am Treffpunkt sind loyal und werden meinen Befehlen gehorchen. Geht jetzt! Es werden gleich Leute aus der Stadt
kommen, die den Rauch gesehen haben. Achja, wenn ihr auf dem Weg Rast macht, dann prügelt ihm noch die Seele aus dem Leibe, aber tötet ihn nicht. Er soll leben, dann wird ihm die Erinnering an den heutigen Abend mehr schmerzen, als jede Wunde.>>
Aecius grinste und hob mit einem Finger das Kinn des völlig erschöpften Ascius an.
<<Das ist mein Geschenk an doch, mein Lieber. Ich schenke dir das Leben, auf das du leiden sollst, bis zum Tode und danach.>>
Er zog den Finger zurück und ließ Ascius Kopf wieder sinken.
<<Geht jetzt!>>
Befahl er den Männern und sie zogen mit Ascius ab. Dieser verstand noch nicht völlig, was passiert war, spürte aber eine unglaubliche Wut. Er schrie, als er abgeführt wurde und schrie selbst unter dem Sack noch, den man ihm wieder stramm über den Kopf band.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:29 pm
by Ascius
7. Der Gefangene
Ascius wusste nicht, wo man ihn hingebracht hatte. Er wusste, dass man weit mit ihm geritten war. Dann hatte man ihn in ein Haus gebracht, und nun saß er in einem feuchten, kalten Keller. Es war wohl früher eine Vorratskammer gewesen, ausgehoben und nur wenig mit Holzbrettern ausgelegt. Jeden Tag spürte er, wie er schwächter wurde, körperlich und
geistig. Er war nun schon einige Tage hier, er hatte bereits vergessen, ob es draußen Tag oder Nacht war. Ein Mal am Tag öffnete sich eine kleine Luke an der Decke, und jemand reichte ihm etwas zu Essen und zu Trinken hinein. Er wusste nicht, wer dort war, und warum man ihn so lange festhielt. Wahrscheinlich hatte Aecius, der offensichtlich wahnsinniger war, als man immer angenommen hatte, veranlasst, ihn hier gefangen zu halten, um das Leiden zu verlängern.
Die Wochen vergingen. Wenn die Luke sich jeden Tag öffnete, dann blendete es Ascius bereits. Seine Augen sahen kein Licht mehr, in dem Keller war es immer dunkel. Eine Zeit lang hatte er versucht, kleine Rillen in die Wände zu kratzen, um die Tage seiner Gefangenschaft zu zählen, aber was brachte dies, als die Gewissheit, wie lange man schon im Kerker saß? Wahrscheinlich würde er hier bis zum Tode ausharren müssen. Er war abgemagert von dem schlechten und wenigen Essen. Man gab ihm keine Gelegenheit, sich zu waschen, oder sich zu rasieren. Seine Fingernägel kaute oder riss er ab, wenn sie zu lang wurden. Der Geruch des Kellers war unangenehm.
Er fasste den Plan, denjendigen, der ständig die Luke öffnete, anzusprechen. Er hatte dies zuvor noch nicht getan. Er wusste nicht, warum. Wenn es einer der Männer sein würde, die sein Haus abgebrannt und seine Familie ermordet hatten, dann würde er nicht mit ihnen sprechen wollen, selbst, wenn sie ihn verhungern ließen. Seine Wut auf sie war noch zu groß.
Die Luke öffnete sich wieder, das Brot und die Lederflasche mit Wasser, die er jeden Tag bereitwillig zurückeworfen hatte, um nicht zu verdursten, fielen durch das Loch auf den Boden des Kellers. Ascius erhob die leise und kranke Stimme.
<<Wer ist da? Was wollt ihr von mir? Ich habe euch nichts getan!>>
Er sank zurück auf den Boden, als sich sie Luke schloss. Es war töricht von ihm, zu denken, dass man ihm zuhören würde. Dann, einige Minuten später, öffnete sich die Luke wieder, diesmal nicht nur einen Spalt, sondern völlig. Das Licht war unerträglich und schmerzte. Ascius konnte nur schwer die Umrisse einer Person erkennen, die so hell wie die Sonne selbst vor dem grellen Licht zu leuchten schien.
<<Mein Name hat dich nicht zu interessieren, er bringt dir nichts. Ich will eine Menge Sachen, aber wenn du wissen willst, warum ich dich hier festhalte? Nun, wenn ich es nicht täte, würde man wohl meinen Tod veranlassen. Ich lebe ganz gut, musst du wissen.>>
Ascius grinste, ein Funken Hoffnung flammte für einen Moment wieder in ihm auf.
<<Ich habe .. Freunde. Man wird nach mir suchen. Mich finden. Dann wird man dich bestrafen...>>
Die Lichtgestalt bewegte sich für einen Moment nicht, dann kam die Antwort.
<<Soweit ich weis, sucht man nicht nach dir. Offiziell haben Banditen dein Haus überfallen und alle darin getötet. Dich eingeschlossen. Man fand nur noch verbrannte Überreste ... nur Knochen.>>
Der Funke Hoffnung erlosch so schnell wieder, wie er aufgekommen war. Aecius muss noch die Körper der beiden Frauen zurück in das brennende Haus gebracht haben, um alle spuren zu verwischen. Er erhob noch ein Mal die Stimme, welche nun wieder schwach klang.
<<Das werden nicht alle glauben .. man wird nach mir suchen..>>
Diesmal kam die Antwort der Lichtgestalt schnell.
<<Du bist schon einige Wochen hier, und niemand sucht nach dir. Man sagte mir, ein alter Mann mit etwas Einfluss habe nach dir suchen lassen, doch hörte sein Herz kurz nach deinem Verschwinden auf zu schlagen. Tut mir Leid, ich kann nichts für dich tun, ich muss auch sehen, wo ich bleibe.>>
Die Luke schloss sich wieder. Ascius wurde einiges klar. Entweder man hatte Querius nach Ascius Verschwinden ermordet, oder er war auf natürliche Weise gestorben, weil er den Schmerz nicht hatte ertragen können. Die angesehene Familie von Aecius konnte es sich natürlich nicht leisten, Nachforschungen anzustellen, denn es wäre ein Skandal, wenn die Tat Aecius' ans Licht kommen würde.
Aber was war mit all den anderen? Was war mit Grumius, oder mit den anderen aus der Armee? Sie mussten doch loyal zur Wahrheit stehen und erkennen, was wirklich passiert war. Waren sie alle so auf ihren eigenen Vorteil bedacht, dass sie die Lügen des Aecius' einfach glaubten? Trauten sie sich etwa nicht, etwas zu sagen? Ascius kamen wieder die Tränen in die Augen. Sein ganzes Leben, alles, woran er geglaubt hatte, zerbrach vor ihm. Er hatte für zwei Dinge gelebt, für seine Familie und für die
Legionen. Seine Familie war ermordet worden, und die Legionen hatten ihn verraten. Vor Wochen, als er zusammen mit den Reitern den Banditen aufgelauert hatte, hatte er Caleius noch voller Überzeugung gesagt, dass die Legion sicher stellt, dass alle Männer zu ihren Familien zurückkehren könnten. Welch unglaubliche Lüge. Der Hass und die Trauer fraßen in diesem Moment alles andere an ihm auf, er vergaß sogar die Kälte des Kellers dabei.
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:37 pm
by Ascius
"Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird"
8. Der Abschied
Die Luke öffnete sich. Man würde ihm wohl wieder Essen bringen. Ascius lag zusammengekauert in einer Ecke des Kellers. Er hatte alles vergessen, was da draußen war, die Zeit und die Welt. Er wusste nur von seiner Wut und seiner Trauer, dass man ihn verraten hatte, und dass man ihm alles genommen hatte. Einige Male hatte man ihn aus dem Keller geholt, man hatte ihm dann wieder einen Sack über den Kopf gestülpt. Der Keller war wohl gesäubert worden, damit er noch darin überleben konnte.
Die Luke öffnete sich heute weiter als sonst, und ein Mann kam hineingesprungen. Man stülpte ihm wieder den Sack über den Kopf. Ascius wehrte sich nicht, das konnte er gar nicht. Er war schwach, abgemagert und gebrochen. Man brachte ihn über eine Leiter nach oben. Alles war ihm gleichgültig, für all die Zeit im Keller hatte er nur immer wieder die Bilder seiner ermordeten Familie gesehen, und seinen
Hass gespürt. Man brachte ihn aus dem Haus heraus. Die frische Luft fühlte sich seltsam an, er hatte sie zu lange nicht mehr geatmet. Sie
gab ihm schlagartig neue Kraft, aber nicht genug, um Widerstand zu leisten. Vielleicht würde man ihn jetzt töten, vielleicht würde man ihn endlich erlösen.
Der Sack wurde von seinem Kopf genommen. Er blinzelte. Es war Nacht. Selbst das Licht des Mondes erschien ihm zu hell. Er blickte in das Gesicht eines Mannes und wusste sofort, dass es jener sein musste, der ihn stets gefüttert hatte. Der Mann sprach.
<<Ascius Dilcanius Vincus. Mein Befehl lautete, dich hier drei Jahre festzuhalten. Das habe ich nun getan. Mein nächster Befehl lautet, dich gehen zu lassen. So, wie du bist.>>
Ascius hatte sich sehr verändert, aus dem gut gebauten, jungen Mann war ein gebrochener Krüppel geworden, kaum fähig, auf den eigenen Beinen zu stehen. Der Bart, der ihm sehr lang gewachsen war, war schmutzig, so wie seine Kleidung und alles an ihm.
<<Du kannst gehen. Ich weis nicht, warum mein Herr Aecius das veranlasst hat, und es ist mir egal. So geh, und lebe dein Leben, bis es ein Ende findet.>>
Ascius grinste und antwortete schwach.
<<Er will, dass ich den Schmerz des Verlustes noch in Freiheit empfinde, das Monster...>>
Der Mann nickte.
<<Vielleicht. Jetzt geh!>>
Ascius blickte auf, drehte sich um, und begann zu gehen. Es war ihm egal, alles war ihm egal. Er war völlig gleichgültig der ganzen Welt gegenüber, allem gegenüber, das existierte. Nur ein Gedanke schoss ihm immer wieder durch den Kopf und er sprach, bereits im Gehen.
<<Du bist ein Narr, mich gehen zu lassen. Irgendwann werde ich zurück kommen und alle töten. Ich werde alle töten, die mir dies angetan haben, auf grausamste Weise. Du wirst unter ihnen sein.>>
Obwohl diese Worte aus dem Munde eines völlig hilflosen Mannes gekommen waren, waren sie doch so ernst und bestimmt gewesen, dass sie glaubwürdig klangen.
Der Mann weitete die Augen und wusste mit einer seltsamen Überzeugtheit, dass dieser gebrochene, geschundene Ascius sein eben gegebenen Versprechen einlösen würde.
Irgendwann.
Ascius ging und drehte sich nicht mehr um. Er ging einfach, seinem weiteren Schicksal entgegen.
Der Mann blickte ihm noch eine Weile nach und ging dann zurück in sein Haus. Dort saß Aecius in einer Prunkrüstung.
<<Hast du ihn gehen lassen?>>
Der Mann nickte.
<<Gut.>>
Antwortete Aecius und ging zur Tür. Wortlos gingen sie aneinander vorbei. An der Tür erhob Aecius das Wort.
<<In welcher Richtung hat er das Dorf verlassen?>>
Der Mann antwortete knapp.
<<Norden.>>
Aecius nickte.
<<Dann verlasse ich es südlich, ich will ihm nicht begegnen.>>
Aecius ging ein Stück zur Tür hinaus, dann erhob der Mann noch ein mal das Wort.
<<Mein Herr Aecius..>>
Der Angesprochene drehte sich um.
<<Mein Herr, ihr hättet diesen Mann töten sollen. Ihr habt ihm alles genommen, was ihm anscheinend wichtig gewesen ist, nun hat er nichts mehr, nur sein Leben, und das hat keinen Wert mehr für ihn. Er wird nur noch von einem Gedanken angetrieben: Rache.
Er verspürt nur noch Hass. Dafür lohnt es sich nicht zu leben, aber dafür lohnt es sich zu sterben. Wenn er jemals wiederkommt, wie wollt ihr einen Mann aufhalten, der bereitwillig sein Leben dafür geben wird, euch und alle, die ihm das angetan haben, zu töten?>>
Aecius blickte ihn für einen Moment stumm an und grinste dann. Er drehte sich um und schritt in die Nacht hinaus.
<<Leb wohl!>>
Posted: Mon Dec 04, 2006 10:41 pm
by Ascius
"Und so kam es dazu, dass ich eines Tages auf die Insel Gobiath traf. Es war ein stiller Ort, ein geheimer Ort. Es war der perfekte Ort, um neue Kräfte zu sammeln, die alten Wunden zu lecken und mich auf das vorzubereiten, was mir noch im Leben geblieben war: Meine Rache.
Wie der Weg bis dorthin aussehen wird, wissen wohl nur die Götter."
((Wird fortgesetzt, wenn es soweit ist..))