Geschichten einer Vergangenheit II

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Ascius
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Geschichten einer Vergangenheit II

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22. Zhas, im Jahre 5
Salkamaeria; die Garnisonsstadt Vindonissa, Standlager einer Legion.


Es wurde nicht still im großen Schlafraum, als der junge Ascius die Tür öffnete und eintrat. Eine Vielzahl junger Männer war hier untergebracht und gerade kamen noch neue Rekruten dazu, so wie er.
Die Standlager der Legionen waren riesig und hatten neben dem funktionellen Faktor noch eine repräsentative Funktion. Sie waren aufgebaut wie kleine Städte, es gab sogar ein Amphitheater aus Holz und ein Badehaus. Für alles andere sorgte die nahgelegene Stadt Vindonissa. Ascius stand nur in einem der vielen großen Unterkünften der Fußtruppen.

„Neu und auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen?“, wurde er von der Seite von einer gelangweilten Stimme angesprochen. Vor einem kleinen Podest saß ein Soldat, der wohl eine Einteilung der Betten vornahm. „Wir schreiben es auf, damit es keinen Streit gibt..“, fügte er hinzu. Ascius nickte. „Es ist mir gleich, teilt mich ruhig irgendwo ein..“, antwortete er und lächelte leicht. Der Einteiler blieb bei seiner gelangweilten Miene. „Gut. Seht ihr das Bett da hinten? Neben den beiden Älteren, die sich gerade anziehen? Das ist vor kurzem frei geworden.“ Ohne auf die Antwort zu warten schrieb er etwas in das Buch vor sich. „Name?“, fragte er noch. „Ascius Dilcanius Vincus .. darf ich fragen, warum es frei geworden ist?“, antwortete Ascius ihm und schob gleich noch die Frage nach. Der Einteiler grinste. „Der, der da vorher drin geschlafen hat, hat eine Hand verloren, sie haben ihn nach hause geschickt.“ Ascius hob eine Braue. „Armer Kerl..“, sagte er. Der Einteiler lachte etwas. „Der kann froh sein, dass er noch lebt! Nun geht mal weiter, ich habe noch ein paar Betten zu belegen heute.“ Ascius nickte und tat wie ihm geheißen.

Ein Stück weiter nickte er den beiden Soldaten zu, die sich gerade ankleideten, und legte eine Tasche mit wenigen Sachen auf die Pritsche. Nichts davon gehörte ihm. Er hatte nichts von daheim mitgebracht, und für alles, was ein Soldat brauchte, sorgte hier die Legion. Mehr brauchte er für sich auch nicht. Er fühlte kurz nach der Pritsche und merkte, wie ungemütlich sie wohl war. Einer der Soldaten, jetzt fertig angekleidet, sah ihndabei und schmunzelte. „Zu hause sind die Betten weicher.“


23. Zhas, im Jahre 5
Salkamaeria; die Garnisonsstadt Vindonissa, beim Kasernenhofdrill.


„Soldaten!“, richtete der Offizier das Wort an die Neuankömmlinge, die alle voll gerüstet auf einem großen Platz stramm stehen mussten. Den Kasernenhofdrill gab es hier oft, denn auf strenge Disziplin wurde Wert gelegt. „Legionäre!“, setzte der Offizier fort. „Ab heute seid ihr Teil der Legion. Ab heute werdet ihr für das schwitzen, kämpfen und sterben, was Salkamar zu dem macht, was es ist! Wir sind das Volk des Lichts, aus unseren Städten stammt die Kunst, die Sprache und die Kultur! Freunde des Reiches werdet ihr schützen, Feinde werdet ihr zerschmettern!“ Er ging auf und ab und musterte die jungen Soldaten. Nach einer Weile sprach er weiter, diesmal in einem normalen Ton, aber so laut, dass auch die letzten Reihen es verstanden. „Viele von euch meinen, sie könnten bereits mit dem Schwert umgehen, oder reiten. Das reicht für uns nicht. Eure Laufbahn beginnt mit der Ausbildung. Ich erwarte, dass alle besonders viel Hingabe für die Gruppenübungen entwickeln, denn wir sind eine Armee. Wir stehen nicht allein da. Wir spielen nicht den Helden. Wir stehen zusammen, und wir siegen zusammen.“


10. Ushos, im Jahre 5
Salkamaeria; abseits von Vindonissa, eine Gefechtsübung.


Die kleine Gruppe Soldaten marschierte eine Straße entlang, voran einer der Ausbilder zu Pferde. Die jungen Legionäre blickten sich leicht nervös in alle Richtungen um, sie waren sich ziemlich sicher, dass es bald einen Hinterhalt geben würde. Die Marschübungen, bei denen über weite Strecken das Tempo gewechselt worden war, um Eilmarsch und den raschen Rückzug zu üben, hatten sie bereits hinter sich. Die Übungen wirkten immer sehr realistisch und bereiteten gut auf reale Gefechtssituationen vor, so dachte zumindest Ascius.

Nach einer Weile, die ersten wurden schon unaufmerksam, ritt der Ausbilder ein Stück voran, und kurz danach preschten unter großem Geschrei Soldaten hinter den naheliegenden Hügeln hervor. Nun ging es darum, sich nicht aufreiben zu lassen, sondern zusammen zu bleiben. Streng danach, wie es den jungen Legionären vorgeführt und gesagt worden war, gingen sie vor. Größtenteils geschlossen marschierten sie gegen die „wilden“ Angreifer. Die Waffen waren stumpf. Wer getroffen wurde, musste das Übungsfeld verlassen.

Etwa eine Minute gingen die jungen Soldaten recht effizient gegen die Angreifer vor, die nun in Wellen aufliefen. Ascius entfernte sich ein Stück von seiner Gruppe, um in der Rage einen flüchtenden Feind kurz zu verfolgen. Eine Falle der Ausbilder, die aufging. Getrennt von der Gruppe war er ein leichtes Opfer. Das stumpfe Schwert bohrte sich ein Stück in der Magenregion in seine leichte Rüstung, sodass ihm die Luft wegblieb. In diesem Moment wurde die Übung durch einen lauten Hornstoß beendet. „Ihr seid tot, Soldat.“, sagte der Ausbilder harsch und senkte das Schwert. „Es.. tut mir Leid..“, antwortete der nach Luft schnappende Ascius. Der Ausbilder grinste leicht und antwortete mit einem Nicken. „Das sollte es auch, immerhin geht es hier um euer Leben. Die Übungen sind schön und gut, aber da draußen, im wahren Kampf, da gibt es keine zweite Chance. Entweder man macht alles richtig, oder man fällt. Verlasst euch niemals auf euer Glück und versucht nichts Besonderes, dafür fehlt hier allen noch die Erfahrung.“ Der Ausbilder steckte das Schwert wieder in die Schwertscheide an seinem Gurt, klopfte Ascius fest auf die Schulter und rief dem Rest der Truppe etwas zu. „Weitermachen wie abgesprochen!“
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Ascius
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08. Chos, im Jahre 5
Salkamaeria; die nördlichen Provinzen, nahe der Stadt Aventicum.


Langsam und ohne Wind fielen die großen Flocken zu Boden. Hunderte Stiefel von Soldaten stapften durch den knöchelhohen, weichen Schnee, entlang einiger verlassener Bauernhäuser. Gräser, Bäume und Dächer waren bedeckt vom Weiß und glasklare Eiszapfen hingen von allem, an dem sonst Wasser herunterlaufen würde.

Es war kalt. Über den dicht gedrengt marschierenden Soldaten stieg der seichte Rauch ihres Atems auf. Die Ausrüstung war an die eisigen Temperaturen angepasst, besonders die Stiefel waren mit Fell verstärkt, doch half dies nach mehreren Tagen in der eisigen Einöde kaum mehr.
"Verflucht, wir haben den Monat Chos, und passend dazu schickt man uns in eine Region, in der sich die Graue Mutter wohl fühlen würde.", fluchte ein Legionär. "Ruhe. Soldaten der Legion beklagen sich nicht!", kam rasch der Befehl eines Vorgesetzten zurück.
Ascius keuchte, der Weg führte wieder bergauf. Durch den recht tiefen Schnee zu stapfen war über die großen zurückgelegten Distanzen schon anstrengend genug, und nun ging es auch noch bergauf. "Wieviele Hügel noch, bis wir am Ziel sind", sagte er leise zu sich selbst. "Wie viele noch.."

Die Truppe von etwa dreihundert Mann war auf dem Weg zur Stadt Aventicum. Aventicum, das war eine der nördlichsten und neusten Provinzen des Reiches. Lange Zeit hatte man die Einwohner hier in Ruhe gelassen, bis Späher mögliche Vorkommen an Gold in den vielen Bergen der eisigen Region gemeldet hatten. Kurz darauf waren die wenigen "Wilden", die hier siedelten, unterworfen worden.
Der Einfluss des Reiches jedoch war so weit im Norden weniger stark als im Zentrum, und darum kam es immer wieder zu Aufständen einzelner Dörfer. Aventicum war so ein aufständiges Dorf und – wenn man den Strategen des Kaisers glaubte – der Ausgangspunkt für allen Widerstand der neuen Provinz. Der Befehl der drei Hundertschaften lautete, die Aufstände zu beenden und die Anführer festzunehmen oder zu töten. Das Reich duldete, was solche Angelegenheiten anging, keine Kompromisse und keine Gnade.

"Der Späher kehrt zurück!", rief jemand von weiter vorn. "Es ist nicht mehr weit bis zum Dorf.", berichtete der erfahrene Späher zu Pferde, der erst vorausgeritten und nun zurückgekehrt war.
"Gut so.", freute sich ein Soldat. "Je schneller wir hier fertig sind, desto schneller kommen wir wieder zurück in wärmere Regionen."


09. Chos, im Jahre 5
Salkamaeria; die nördlichen Provinzen, Stadt Aventicum.


Viele Hände drängten sich wie immer um die kleinen Feuer in den Zelten. Wer gerade von der stundenlangen Wache wieder nach drinnen kam, hatte Vorrang. Die Truppe war demotiviert, aber froh, endlich am Ziel zu sein. Sie hatten nahe bei Aventicum ihr Lager aufgeschlagen und im Moment würden die beiden Diplomaten des Kaisers, die die Truppe begleitet hatten, wohl mit den Anführern des Widerstandes verhandeln. Das bedeutete eine Pause für die Legionäre, aber es bestand auch die Möglichkeit eines Scheiterns der Verhandlungen und darauf folgende Kämpfe.

Die Truppe bestand eher aus erfahreneren Soldaten, Ascius war einer der wenigen Unerfahrenen hier. Bis jetzt hatte er noch nie gekämpft, sondern war entweder ausgebildet worden, oder war zusammen mit vielen anderen durch Gebiete marschiert, um die Stärke der Legion zu demonstrieren. Er fürchtete sich nicht unbedingt vor einem Kampf, aber es beunruhigte ihn viel mehr, dass er gar nichts fühlte. Weder Aufregung, noch Furcht. Er rieb die Hände über dem Feuerchen aneinander und blickte nachdenklich in die tanzenden Flammen. Ein älterer Soldat trat von hinten an ihn heran, mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht.
"Ascius, du denkst zu viel nach. Ich habe Männer gesehen, die so starrten wie du, aber sie hatten bereits viele Schlachten und getötete Feinde hinter sich.", er setzte sich mit einem leichten Seufzer zu ihm und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Ascius schaute zu ihm und nickte. "Gerade zurück von der Wache, Hurian?" Der Alte nickte nur knapp und zog sich die Fellhandschuhe von den Händen, um sie sich am Feuer zu wärmen. "Ich denke eben viel, ist das schlecht?", fragte Ascius nach einiger Zeit. Hurian schüttelte den Kopf. "Nicht unbedingt. Ich mache mir nur Sorgen, was aus dir wird, wenn du ein paar Jahre in der Legion gedient hast... das heißt, wenn du überhaupt so lange lebst." Sie lachten und klopften sich freundschaftlich auf die Schulter.

Eine halbe Stunde sollte noch vergehen, bevor die Diplomaten aus Aventicum zurückkehrten. Kurz darauf wurden alle Legionäre wieder marschbereit gemacht und aus den Zelten geholt. Ein Offizier, vom Rang Primus, sprach zu den Soldaten.

"Legionäre, die Wilden wollen nicht verhandeln. Sie sagen, sie werden sich nicht ergeben und sie werden dem Reich nicht gestatten, die Berge "auszubeuten". Das können wir uns nicht gefallen lassen. Auf unsere Milde und Nachsicht antworten die Barbaren mit Hass und Unverständnis. Wir haben den Befehl vom heiligen Kaiser, diesen Widerstand um jeden Preis niederzuwerfen, und das werden wir tun. Hier muss ein Exempel statuiert werden!"

Die Infanterie wurde kurze Zeit später in Bewegung gesetzt, in Richtung Aventicum. In der Ferne waren die Bewohner des Dorfe zu sehen, wie sie sich herausbewegten und etwas weiter vor den notdürftig errichteten Holzpalisaden, die das Dorf umrandeten aufstellten. Etwa 150 Männer, einige Frauen und auch Burschen, die noch viel zu wenige Winter gesehen hatten, um heute auf dem Schlachtfeld zu stehen. Hier kämpften alle mit. Männer, Frauen und Kinder.
"Sie sind weder erfahren im Kampf, noch besitzen sie Ausrüstung.. ihre Kleidung ist ihr Panzer und ihre Klingen sind stumpfer als unsere..", murmelte Ascius Hurian zu, der neben ihm marschierte. Dieser antwortete nur knapp. "Zusammenbleiben und keine Dummheiten machen."

Die Wilden brüllten sich ihre Lungen aus dem Leibe, als die Legionstruppen wohlgeordnet auf sie zumarschierten. Voran die Infanterie, dahinter die Bogenschützen. Die wenige Kavallerie, die mitgenommen worden war, war nirgends zu sehen.

"Halt!", ging der Ruf durch die Reihen und die Infanterie stoppte. Die Dorfbewohner waren nun auf einer Höhe mit ihnen, nicht weit entfernt. Noch immer brüllten sie und schlugen ihre Schwerter gegen ihre Schilde. Es dämmerte. Aus den Augenwinkeln sah Ascius hinter sich Lichter aufblitzen. Die Fackeln für die Brandmunition wurden angezündet. "Anlegen!", rief es erneut und die Schützen hoben ihre Bögen. "Feuer!", sauste die Hand des Offiziers zu Pferde gen Boden und die Schützen ließen die Sehnen ihrer Bögen los.
Noch bevor die heute ersten Sterne am Himmel auftauchten, füllte sich dieser mit vielen Lichtern. Brennende Pfeilspitzen, die auf die Dorfbewohner niederhagelten. Angeschlagen und eingeschüchtert stürmten diese nun auf die Infanterie zu. "Achtung!", rief der Offizier erneut und zog sein Schwert. "Denk an das, was du gelernt hast!", rief Hurian Ascius zu, bevor die Wilden in die geordneten Reihen der Legionäre einbrachen.
Eiskalter Stahl bohrte sich durch warme Körper, die sonst so perfekte Stille der eisigen Einöde füllte sich mit Heulen und Schreien. Schon bald flüchteten die überlebenden Dorfbewohner aus Furcht vor der Überzahl. Nie sollten sie ihr Dorf wieder erreichen, denn die leichte Kavallerie diente heute dem Zweck, die Flüchtenden Resttruppen des Feindes endgültig zu vernichten.

Ascius zog sein Schwert aus dem Körper eines jungen Mannes, der etwa in seinem Alter gewesen war. Zwei weitere Menschen hatte er heute erschlagen, darunter auch eine Frau, die wohl nur ihre Heimat hatte behüten wollen und nur gekämpft hatte, weil sie nichts mehr zu verlieren gehabt hätte. Es war wieder still geworden, bis auf das Stöhnen der zahlreichen Verwundeten - Viele auf Seiten der Dorfbewohner, wenige auf Seiten der Legion.
Ascius blickte über das Feld, welches nun nicht mehr von Schnee bedeckt war, sondern von Körpern und Blut. Hurian trat von hinten an ihm heran und klopfte ihm auf die Schulter.

"Willkommen in der Legion, mein Lieber."
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Ascius
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13. Bras, im Jahre 8
Salkamaeria; die zentralen Provinzen, Familiengruft.


Langsam wurde Hurians aufgebahrter Körper in das Innere der prunkvollen Familiengruft getragen. Sein Vater, Querius und andere Verwandte folgten als erste, direkt dahinter Ascius und einige weitere, treue Freunde des Verstorbenen. Man würde ihn in seiner Rüstung begraben. Eine Rüstung, die viele Schlachten gesehen hatte. Der Riss, durch den das tödliche Schwert in Hurius Leib gestoßen worden war, war wieder ausgebessert worden. Der Tote sah aus, als würde er schlafen, zwar blass und mit eingefallenen Wangen, aber unberührt.

Im Inneren angekommen wurde der tote Körper behutsam in einem Sarkophag aus Stein gelegt. Als Beigabe erhielt er Schmuck und Münzen, aber vor allem Waffen, denn die meiste Zeit seines Lebens hatte er in der Legion gedient. "Die Toten leben nur in unseren Erinnerungen weiter.", begann Querius zu sprechen. "Nur so gewähren wir ihnen die Gunst der Götter und die Unsterblichkeit." Er selbst half nach diesen Worten dabei, den schweren Steindeckel des Sarkophags anzuheben und die letzte Ruhestätte des Sohnes zu verschließen. Alle besonderen Ämter, Posten und Leistungen waren in den Stein eingraviert worden, zu lesen bis in alle Ewigkeit.

"Leb wohl, mein lieber Freund", murmelte Ascius leise und richtete ein kurzes Gebet zum Wohle der Seele des Toten an die Götter. Er hatte Hurian erst vor zwei Jahren auf einem kleinen Feldzug kennengelernt und seit dem hatte sie eine tiefe Freundschaft verbunden. Nun war er gefallen. Für Kaiser und Vaterland.

Ascius blickte auf das ausdruckslose Gesicht des Querius, Hurians Vater. Es war keine Trauer dort zu sehen, noch Wut oder Hass. Zu oft schon hatte der ältere Mann diese Gefühle in ihrer vollen Grausamkeit erfahren, nun war er abgestumpft. Ascius stimmte das traurig.
"Kommt", begann Querius nach einer Weile zu sprechen, "Kommt, wir wollen ein Fest für den Toten feiern, denn er hätte nicht gewollt, dass wir seiner mit Flüssen aus Tränen und mit endlosen Seufzern gedenken."


14. Bras, im Jahre 8
Salkamaeria; die zentralen Provinzen, Anwesen des Querius.


Ascius trug gerade einige Teller in die Küche des Anwesens, als ihm Querius auf dem Weg begegnete. Der Alte zog die Augenbrauen zusammen. "Ascius, warum trägst du das schmutzige Geschirr durch die Gegend?" Ascius blickte auf die Teller in seinen Händen und lächelte ansatzweise. "Ich wollte den Bediensteten etwas helfen.." antwortete er, doch der scharfe Blick des Alten war durchdringend. Querius kannte Ascius nun fast ebenso lange, wie Ascius seinen Sohn Hurian gekannt hatte und durchschaute ihn. Ascius stellte die Teller auf einem Tisch ab und nickte knapp. "Ich habe nach einem Vorwand gesucht, noch nicht gehen zu müssen.", sagte er und senkte den Kopf leicht. "Hast du Furcht, dich wieder auf das Schlachtfeld zu begeben, weil dich das selbe Schicksal erleiden könnte, wie mein Sohn?", fragte der Alte mit einigem Verständnis, nicht vorwurfsvoll. Ascius schüttelte den Kopf. "Nein, das ist es nicht. Ich würde dich nur gerade jetzt gern in guter Gesellschaft wissen, Querius." Querius nickte darauf und setzte sich auf einen nahestehenden Hocker. "Ja, ich habe wirklich niemanden mehr. Nunja, nicht ganz niemanden, ich habe einige Freunde in der nahen Umgebung.." Er stoppte kurz und seine Augen wurden etwas glasig. Ascius versuchte, seinen Schmerz nachzuvollziehen, doch es fiel ihm schwer. Querius hatte vor einigen Jahren seine Frau durch Krankheit verloren. Kurz darauf seinen zweitgeborenen Sohn in der Schlacht, und nun auch den erstgeborenen Hurian.

"Es wäre schön, wenn du noch eine Weile bleiben würdest, Ascius", fuhr Querius dann fort. "Aber ich will nicht, dass es deiner Laufbahn in der Legion schadet." Ascius winkte ab. "Das macht nichts, Querius, man wird es verstehen.." Antwortete er, wissend, dass es nicht so war. Der Alte schaute auf und grinste leicht. "Halte mich nicht zum Narren, Junge. Allerdings habe ich einen Plan... wie du weißt, legt die Legion nicht nur Wert auf den Umgang mit dem Schwert oder auf strategisches Geschick, sondern auch auf die Bildung ihrer Offiziere, vor allem im politischen Bereich..." Das Grinsen des Alten verbreiterte sich noch etwas. "Genau dein Gebiet, Querius.. ich könnte mir keinen besseren Lehrer vorstellen.." Willigte Ascius ein. Er hasste die Politik, aber für Querius würde er sich gern damit beschäftigen.
Zudem hatte Querius Recht mit dem, was er sagte – Ein geschickter Politiker konnte im Reich genau so viel erreichen, wie ein großer Stratege..
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22. Chos, im Jahre 10
Salkamaeria; die südlichen Provinzen, Grenzgebiete


"Optio!", sprach der höhere Offizier den vor einem Zelt sitzenden Ascius an. "Ihr könnt euren Männern sagen, dass es wieder zurück in die Heimat geht." Ascius hob überrascht die Brauen und stand auf. Ein Mann trat hinter ihm aus dem großen Zelt, in dem viele Soldaten untergebracht waren und lauschte neugierig. Ascius schüttelte kurz ungläubig den Kopf "In die Heimat? Heißt das, die Verhandlungen liefen gut?" Der Offizier nickte auf die Frage. "Es wird nicht zu Kämpfen kommen, wir können aufatmen. Los, ich überlasse es euch, den Männern diese Botschaft zu überbringen. Glaubt mir, es ist ein gutes Gefühl, ihnen auch mal positive Neuigkeiten mitteilen zu können." Ascius salutierte kurz, klopfte dem Mann am Eingang des Zeltes dann lachend auf die Schulter und begab sich nach innen, um die Nachricht auch den restlichen Legionären zu überbringen.

Seit einigen Monaten war Ascius nun zusammen mit einer Legion nahe einer kleinen Stadt einer südlichen Provinz in Stellung gegangen, da es Grenzsreitigkeiten gab. Man hatte eine Zeit lang sehr fest mit einer Eskalation der Situation gerechnet, aber wie es schien, würde es doch ganz anders kommen. Der größte Teil der Truppen zumindest würde nun abgezogen werden und neue Aufgaben erhalten. Die monatelange Warterei auf einen möglichen Krieg war zermürbend gewesen und mit der Zeit war die Stimmung der Männer schlechter geworden, bis hin zur Apathie. Alle hatten zwar die Möglichkeit gehabt, ihre Freizeit in den nahegelegenen Städten zu verbringen, aber natürlich nur unter strenger Beobachtung der Offiziere und mit vielen Reglementierungen. Eine ganze gelangweilte Legion konnte mit Sicherheit hunderte Tavernen schleifen, wenn niemand auf sie aufpasste.
Nun war es jedoch an der Zeit zu gehen und schon am folgenden Tag würden viele reisefertig sein. Eine Sache jedoch gab es noch für Ascius selbst zu tun. Es zog ihn nirgendwo hin, denn er hatte niemanden, außer seinem guten Freund Querius. In der Stadt, die der Garnison am nächsten lag jedoch lebte ein Mensch, der ihm ebenfalls sehr viel bedeutete und ohne einen letzten Besuch würde er nicht gehen können...


23. Chos, im Jahre 10
Salkamaeria; die südlichen Provinzen, Stadt Abu Musul

Ascius klopfte nach einer kurzen Zeit des Zögerns an die schmale Holztür. Nicht viel später öffnete sich diese und eine ältere Frau blickte ihn an. Etwas misstrauisch war ihr Blick, doch ihre Augen zeigten, dass sie sogar froh war, ihn zu sehen. Er nickte und grüßte freundlich. Sie bat ihn hinein.
"Ich würde gerne eure Tochter sprechen, verehrte Dame..", setzte Ascius an. Die Frau nickte. "Wartet bitte hier, ich werde sie holen." Sie verschwand in einen anderen Raum. Es waren Stimmen zu hören, alle übertont von der Stimmes eines offensichtlich verärgerten Mannes.
Ascius schaute sich nervös im Raum um. Die Architektur und auch die Inneneinrichtungen waren so weit im Süden des Reiches sehr viel anders als im Zentrum. Irgendwann schlug eine Zimmertür auf und ein großer Mann kam auf ihn zu. Ascius nickte freundlich, doch der Mann begann sofort zu sprechen. "Was wollt ihr schon wieder von meiner Tochter?", fragte er und bäumte sich etwas vor Ascius auf. "Sie sprechen.", antwortete Ascius und wich nicht zurück. "Ich habe in letzter Zeit oft mit ihr gesprochen, hoffentlich stört es euch nicht?", schloss Ascius noch eine Frage an, obwohl er die Antwort eigentlich aus dem Blick seines Gegenübers lesen konnte. Der Mann schaute ihn einen Moment zornig an, fasste sich dann aber wieder und machte einen Schritt zurück. "Ihr könnt sie sprechen...", änderte er seine Meinung plötzlich und machte sich auf den Weg in einen anderen Raum. Während er ging vernahm Ascius ein leichtes Murmeln von ihm "Verfluchte Legionäre...", ging aber nicht weiter darauf ein und just in dem Moment, in dem der Mann den Raum verließ, kam eine zierliche, junge Frau mit längeren, dunkelbraunen Haaren hinein und fiel Ascius um den Hals. Er lachte. "He, nicht so stürmisch, Maria, dein Vater hätte mich gerade schon fast umgebracht." Die Frau grinste und löste ihren Griff. "Das würde er nie tun, glaub mir." Ascius lächelte und sah sie einen Moment an, doch dann trübte sich seine Miene. Maria zog ihre Augenbrauen leicht zusammen. "Warum so nachdenklich, Ascius?", fragte sie. "Es gibt schlechte Neuigkeiten, fürchte ich..", antwortete er.

Sie setzten sich und Ascius berichtete ihr von der veränderten Lage und dass die Garnison bald abgezogen würde. Er hatte nie gedacht, dass ihm ein Gespräch so schwer fallen könnte. Die meisten Soldaten waren froh, wieder in die Heimat zu kommen, doch ihm fiel es nun schwer. Er wollte sich noch nicht von der Frau trennen, die er vor gut einem Monat in der Stadt kennengelernt hatte, als er und einige Kameraden ausgegangen waren. Viele Soldaten vergnügten sich nur, und zu Anfang hatte er das auch geplant, aber Sirani hatte sich wohl etwas anderes für ihn überlegt.
Dennoch gab es keinen Ausweg, er würde den Befehlen folgen und die südlichen Provinzen verlassen müssen und genau dies machte er ihr klar. Er dachte eigentlich, dass sie das nicht weiter stören würde. Er hoffte zwar, es wäre so, aber natürlich war es anders. "Ich will aber nicht, dass wir uns schon trennen müssen...", war der ausschlaggebene Satz von Maria, der ihn endgültig aus der Fassung brachte. Er wusste wirklich nicht mehr weiter.

"Maria.. ich kann nicht bleiben..", fuhr er langsam fort. "So gern ich es vielleicht tun würde.." Maria nickte. "Dann bleib nicht.", antwortete sie recht bestimmt. Ascius schaute erschrocken auf. Gerade vor einer Minute noch hätte er sich gewünscht, dass sie soetwas gesagt hätte und jetzt traf es ihn schwer. Die Liebe war schon ein verzwicktes Gebilde. Er hob fragend beide Augenbrauen, denn Maria schmunzelte. "Bleib nicht, ich komme eben mit dir.", fuhr sie dann fort. Ascius schüttelte ungläubig den Kopf. "Aber dein Vater hasst mich.. und wir kennen uns noch nicht sehr lange.." Maria lächelte auf seine Worte und legte ihre Hand auf seine. "Mein Vater hasst dich nicht, er hasst nur den Gedanken, mich ziehen lassen zu müssen. Was die Zeit angeht... ich für meinen Teil kenne dich nun lange genug um zu wissen... was ich will..." Ascius lächelte. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, etwas in seinem Leben zu ändern. Er könnte sich keine bessere Gelegenheit vorstellen, als diese. "Dann lasse ich mich für den Abbau der Verteidigungsanlagen einteilen, das verschafft mir noch ein paar mehr Tage hier vor Ort, sodass du alles regeln kannst.", versprach er ihr mit einer für ihn ungewöhnlichen Euphorie. "In ein paar Tagen können wir abreisen, wenn deine Eltern den Segen geben.."





So nahm diese Geschichte ihren Lauf und Sirani bekam ihren Willen, jedenfalls für den Moment.

Ascius und Maria kehrten zusammen in die zentralen Provinzen zurück und ließen sich dort nieder. Sie heirateten schon kurze Zeit später.
In den folgenden Jahren wurde Querius immer mehr zu einem neuen Vater für Ascius. Maria wurde schwanger und schenkte Ascius eine Tochter. Trotz des Familienglücks, hatte Ascius seine Karriere bei der Legion noch sehr stark im Auge. Er war selten zu hause. Obwohl er manchmal bereute, so wenig Zeit mit seiner Familie verbracht zu haben, trug die harte Arbeit für die Legion Früchte und bescherte ihm eine steile Karriere.

Gut sechs Jahre nach dem ersten Treffen mit Maria, kurz vor der Ernennung Ascius' zum Tribun, sollte seine Familie getötet und sein Name aus der Zukunft Salkamars getilgt werden.

Genau so abrupt, wie damals alles in Abu Musul begonnen hatte, sollte es auch wieder enden.

Doch das ist eine andere Geschichte.
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